Klinik- und Reha-Seelsorge Bad Abbach

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Aequinox

Der Sommer geht, geht zu ende,
die Sonne schwächelt, Herbst beginnt,
Aequinox hebt seine Arme,
der Tag verliert, die Nacht gewinnt,
und wieder mal wird mir bewusst, wie die Zeit verrinnt.

Das Jahr steht nun in der Waage,
Dunkel und Licht im Gleichgewicht.
Ich spüre hier noch die Wärme,
dort bläst mir Winter ins Gesicht.
Ich steh‘ dazwischen, beide Seiten sind jetzt in Sicht.

So ist der Lauf des Jahres, so wird es wieder rund.
Was hier grad kommt, muss dort schon geh’n.
Ich denke an mein Menschsein, mein eignes Leben, und
kann auch hier die zwei Seiten seh’n.

Einerseits bin ich vergänglich.
Mein Körper „fällt“, wie Rilke sagt.
Jugend verblüht unumgänglich,
doch wer sein Leben weiter wagt,
entdeckt in sich etwas, das alle Zeit überragt.

Mit Sterblichkeit Freundschaft schließen,
den eignen Tod als Bruder seh’n –
wem das gelingt, der wird dankbar
für den Moment durchs Leben geh’n,
wird zwischen hier und dort mit offenen Armen steh’n.

So ist der Lauf des Lebens, so geh ich meinen Weg,
lass mich auf das „Dazwischen“ ein.
Wird es sich einmal runden, einmal wieder erneu’n?
Was wird wohl nach dem Winter sein?

Ich steh wie du, Herr, dazwischen,
streck meine Arme weit aus,
spür dort den Tod, hier das Leben.
Gekreuzigt-sein fordert heraus.
Der Aequinox ist lange schon auch bei mir zu Haus.

(Tobias Wechler)